Der Lebensfluss ist eine Metapher für unser Innenleben, das wie ein Strom verläuft, der von seinen Ufern begrenzt wird. Der Fluss beinhaltet unsere Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen – unsere gehaltene Lebensenergie. Die Ufer stellen die Grenzen gegen übermäßige Reize dar. Alles innerhalb dieses Flusses, kann von uns kontrolliert werden – wir können unser Leben auf entspannte und spontane Weise steuern. Manchmal tauchen in diesem Fluss Steine oder Felsen auf – diese stehen für herausfordernde Situationen in unserem Leben, die zwar für die eine oder andere unserer Eigenarten verantwortlich sein mögen, aber dennoch unserer Kontrolle unterliegen. Innerhalb dieser Flussufer können wir uns frei bewegen und selbstregulieren – wir haben eine positive Lebenseinstellung und ein Gefühl der Zuversicht für herausfordernde Entwicklungssituationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wird das Ufer des Lebensflusses – unsere Barriere gegen übermäßige Reize – durch ein Schocktrauma durchbrochen, wird unsere Reaktionsfähigkeit überwältigt, was Gefühle von Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit auslöst. Ein Schocktrauma entsteht aus Ereignissen, die für unser Nervensystem zu schnell oder zu viel sind. Wir können sie nicht steuern, einordnen, integrieren oder bewältigen. Schocktraumen können mit Unfällen, Angriffen, Operationen, Erkrankungen, Krieg oder Katastrophen einhergehen. Die Lebensenergie bleibt dann in einem Traumawirbel stecken.

Ein Entwicklungstrauma entsteht durch mehrfach überwältigende Erlebnisse in sehr jungen Jahren – häufig durch Vernachlässigung und/oder emotionalem oder körperlichen Missbrauch. Auch immer wiederkehrende kleine Verletzungen, die für einen Erwachsenen unbedeutend erscheinen mögen, können bei Kindern die gleichen Erfahrungen von Angst, Kontrollverlust und Hilflosigkeit auslösen wie ein Schocktrauma bei Erwachsenen. Häufig sind frühe Entwicklungstraumen mit Erlebnissen des Schocktraumas verbunden. Symptome eines Entwicklungstraumas zeigen sich in chronischen Schmerzen oder Müdigkeit, Reizdarmsyndrom und Migräne.

Wenn wir ein Trauma erleben, wird das schützende Flussufer durchbrochen. Es entsteht eine Flut von hoher Erregungsenergie, die wir nicht kontrollieren können und die sich in einem Traumawirbel außerhalb unserer Lebensenergie abzeichnet. Gleichzeitig entsteht ein Gegenwirbel innerhalb unseres Lebensflusses. Dieser Gegenwirbel ist zunächst klein, kann aber durch den Zugriff auf Ressourcen aufgebaut und vergrößert werden, sodass er den stark geladenen Traumawirbel nach und nach deaktiviert.

Lebensfluss-Modell nach Peter Levine

Lebensflussmodell

Lebensfluss-Modell nach Peter Levine

Den Lebensfluss wieder zum Fließen bringen

Wenn wir unter einem Schock- und/oder Entwicklungstrauma leiden, können wir nun den Gegenwirbel vergrößern in dem wir unsere Ressourcen aufbauen. Ressourcen können Orte, Situationen, Tätigkeiten, Menschen etc. sein, die uns Kraft und Stabilität geben. Haben wir genug Ressourcen verfügbar und sind diese stark genug, können wir vom Gegenwirbel langsam und behutsam immer wieder in den Traumawirbel eintauchen und so die Lebensenergie, die dort gefangen war, in unseren Lebensfluss zurückbringen. Dieser Prozess wird Pendeln genannt und ist der Schlüssel zur Auflösung eines Traumas.

Bei der Auflösung oder auch Integration von Trauma ist zunächst „weniger mehr“ – bis das Nervensystem eine größere Kapazität hat, um „mehr“ auf natürliche Weise bewältigen zu können. Dies gilt insbesondere bei einem frühen Entwicklungstrauma, wenn die sichere elterliche Fürsorge gefehlt hat.

Unser Nervensystem und die Selbstregulation

Im autonomen Nervensystem werden die beiden Zweige Sympathikus (Aktivierung) und Parasympathikus (Beruhigung) in Gleichgewicht gehalten. Das sympathische Nervensystem versetzt unseren Körper in Handlungsbereitschaft während das parasympathische Nervensystem das Ausruhen unterstützt.

In einem gesunden Zustand kann sich unser Nervensystem als Reaktion auf äußere Reize selbst regulieren. Es durchläuft ständig Zyklen der Ladung und Entladung, mit voller funktionaler Spannbreite und dem gesamten Spektrum an Flexibilität. Manche Erlebnisse rufen eine Aktivierung (Sympathikus) hervor. Das Nervensystem bereitet sich auf den Fall vor, dass wir auf eine Bedrohung mit Wachsamkeit, Alarm oder Selbstschutzstrategien reagieren müssen – also in den Kampf- oder Fluchtmodus gehen. Wenn die äußeren Umstände wieder Sicherheit signalisieren, kehrt das Nervensystem in die Beruhigung des Parasympathikus zurück.

Manchmal sind Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust auch derart überwältigend, dass unser Nervensystem „abschaltet“. Unbewusste Prozesse im Gehirn unterdrücken dann die Kampf-Flucht-Reaktion und versetzen uns in den Zustand des Freeze (Einfrieren) bzw. der Unbeweglichkeit, bis die Gefahr vorüber ist.

In Folge früher Verletzungen in der Kindheit oder schwerer Schocktraumata tendiert unser Nervensystem schneller dazu, in einen Freeze-Zustand überzugehen. Für Betroffene ist es oft schwer verständlich, warum sie sich immer wieder in einer Handlungs- und/oder Bewegungsunfähigkeit befinden. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass der Freeze-Zustand eine normale und natürliche Schutzreaktion ist.

Traumatischer Stress und Dysregulation

Das autonome Nervensystem kann durch traumatischen Stress aus dem Gleichgewicht geraden. Die Regulierungsmechanismen sind dann in irgendeiner Form unterbrochen worden. Eine Dysregulation im Nervensystem ist vergleichbar mit einem Auto, bei dem sowohl das Gaspedal (Aktivierung) wie auch das Bremspedal (Erstarrung) voll durchgetreten ist. Das führt zu sprunghaften Schwankungen zwischen Aktivierung und Erstarrung und/oder einer Fixierung in einen der beiden Zustände.

Bei einem Entwicklungstrauma kommt es häufig zu Dysregulation, wenn in der Kindheit das Gefühl der Sicherheit gefehlt hat. Viele von uns haben diese sichere und unterstützende Art der Erziehung nicht erfahren – es gab kein sicheres Gehalten-sein, keine liebevolle Zuwendung, keinen sicheren Hafen der Akzeptanz und des Schutzes, auf den wir uns verlassen konnten. Wenn die Bindungsbedürfnisse unserer Eltern oder Bezugspersonen in deren Kindheit ebenfalls nicht befriedigt wurden, können sie auch ihren Kindern kaum eine sichere Basis der Bindung bieten. Diese Kinder haben die Sicherheit nicht verinnerlicht und erleben diese Unsicherheit auch häufig im Erwachsenenalter, die sich in einer Form einer Dysregulation des Nervensystems zeigen kann.

Auflösung des Traumas

Sobald wir beginnen, an der Auflösung des Traumas zu arbeiten, wird die Reaktionsfähigkeit des Nervensystems wieder hergestellt. Damit werden Erstarrungsreaktionen weniger automatisch und seltener ausgelöst. Die negativen Überzeugungen, die mit den traumatischen Erfahrungen in Verbindungen stehen, werden auf natürliche Weise korrigiert und integriert. Wenn wir den Weg der Traumabewältigung mittels Somatic Experiencing, NARM oder anderen körperorientieren Traumatherapien gehen, erleben wir häufig ein Gefühl der Befreiung – die Lebensenergie kommt wieder ins Fließen.

Wir können lernen auf die Reaktionen unseres Körpers zu achten, uns selbst zu beobachten, die Zeichen der Aktivierung zu spüren und uns zu regulieren. Mit Hilfe von angemessenen Ressourcen können wir die Aspekte eines traumatischen Ereignisses Stück für Stück lösen und loslassen. Gelassenheit, Freude, Dankbarkeit und möglicherweise auch Vergebung können spontan auftauchen, wenn das Trauma gelöst wird. Das kann ganz aus sich selbst heraus passieren und ohne Druck. Schreitet die Heilung des Traumas voran, erkennen wir frühzeitig, wenn wir uns aus einem Funktionsbereich herausbewegen. Wir haben Werkzeuge, um zur Stabilität zurückzukehren. Wir haben Möglichkeiten der Selbstregulation und wissen, wann wir Hilfe brauchen. Wir werden vielleicht nicht sofort alle Kreise schließen können – aber es ist eine Fähigkeit, die wir lernen können.

Wenn du Unterstützung oder Hilfe auf deinem Weg zur Traumalösung wünscht, dann nimm gerne Kontakt mit mir auf.